Der Titel scheint für evangelikale Leser auf den ersten Blick nicht besonders reizvoll zu sein, der Inhalt ist es umso mehr. Darin sind all jene Merkwürdigkeiten zusammengefasst, die uns seit Jahren irritieren. Hier wird erstmals eine Synopse der Bemühungen im Hintergrund der substantiel-len Veränderungen in den evangelikalen Gemeinden sichtbar. Was uns als ein Sammelsurium von Absonderlichkeiten erscheint, ist in Wahrheit ein strategisches Programm zur Durchsetzung einer neuen Weltreligion, bei der Evangelikale mit ihrem Missionseifer die Kanalarbeiter sind, während – für die meisten unbemerkt – mit neuen Begriffen, wie “Zweite Protestantische Reformation”, „Micha-Projekt“, „Emerging-Church“ u.v.a.m. ein Umsturz im evangelikalen Lager herbeigeführt wird. Es handelt sich um eine Fusion zwischen der amerikanischen Geschäftswelt und evangelikalen Führungskräften, die im Schulterschluss eine neue Weltordnung herbeiführen wollen, allen voran Rick Warren. Das „P.E.A.C.E.-Programm“ Warrens ist der Masterplan auf dem Weg dahin. Der Leitbegriff heißt “Transformation” und d.h. Bewusstseins- und Struktur-Veränderung, also Über-tragung eines ganz neuen Verständnisses von Evangelium und Reformation. Die Elemente sind z.T. aus dem New-Age übernommen. An der Spitze wirken Leute wie Robert Muller, ehem. Vize-Generalsekretär der UNO und Akteur des “Weltparlaments der Religionen”, das 1993 in Chicago tagte. Gemeindearbeit soll nicht mehr in der uns bekannten Art und Weise betrieben werden, sondern sie soll gemanagt werden. Die Vorlage dazu lieferte der Stammvater des in Wirtschaft und Industrie seit Jahrzehnten angewandten Managementsystems, Peter Drucker. Es gab zwischen ihm und anderen bekannten Personen aus dem New Age-Spektrum Kontakte und Konferenzen, wie etwa mit Marylin Ferguson (Autorin des weltweit wirkenden Okkult-Bestsellers „Die sanfte Verschwörung“). Wer greift zur Macht? Es sind bekannte evangelikale Führungskräfte im Verein mit Unternehmern, die neue Geschäftsfelder suchen.
Auch Billy Graham war in dieses Netzwerk mit eingebunden. Erdmann schreibt: „Edwin Orr (Verfechter einer neuen Ökumene seit 1942) korrigierte Billy Grahams ‚engstirniges’ Schriftverständnis und ermahnte ihn, eine breitere Sicht anzunehmen. Denn sonst würde seinem Dienst ein größerer Erfolg vorenthalten bleiben.“ Harold Ockenga (einflussreicher Pastor der „Parkstreet Congregational Church“, Boston) erklärte schon 1957, „dass der neue Evangelikalismus im Vergleich zum Fundamentalismus seine Strategie geändert habe“. Demgemäß wurde Billy Graham von dem amerikanischen Zeitungsmogul, Randolph Hearst „gemacht“, d.h. durch dessen Medien hochgepuscht. „Der Gründer von Campus für Christus, Bill Bright, und der Direktor des ‚U.S. Center für World Mission’, Ralph Winter, waren jahrzehntelang die Schlüsselpersonen der ‚dominionistischen’ Bewegung“, also einer Bewegung, die eine Vorherrschaft anstrebt. „In unserer Zeit stehen Tim Keller, Bill Hybels und Rick Warren an der Spitze dieser Bewegung. Für die Durchsetzung des postmodernen „Paradigmen-wechsels“ wurde ein „Leadership Network“ ins Leben gerufen, was auch erklärt, warum Jahr für Jahr in unserem Lande ein oder mehrere Kongresse für Führungskräfte stattfinden, in denen das Gedankengut der Dominionisten vermittelt wird, wenn auch verdeckt, so dass die meisten Teilnehmer die Strategie gar nicht erkennen. In Deutschland setzen sich besonders Johannes Reimer, Tobias Faix und Hartmut Steeb für den, dem europäischen Kontinent angepassten Dominionismus ein“. „Auf dem Willow-Creek-Leitungskongress in Bremen im November 2006 wiederholte Warren in seiner Ansprache vor 5.500 Teilnehmern die Wichtigkeit einer ‚Zweiten Reformation’.
Die Pastoren der St. Matthäus-Kirche in Bremen befassten sich schon seit 1998 mit Warrens Buch ‚Kirche mit Visionen’ (s. auch Willow-Netz 02-2007). Die Ältesten dieser lutherischen Kirche besuchten im Frühjahr 2001 die Willow-Creek Community Church bei Chicago sowie Rick Warrens Saddleback-Gemeinde in Kalifornien. Nach und nach setzten sie in den folgenden Jahren die amerikanischen Konzepte der evangelikalen Transformation in Bremen um. Später halfen sie mit, Warrens Programm ‚Leben mit Vision’ breitflächig bekannt zu machen.“ „Kirche mit Vision“ ist ein irreführender Ersatz für den amerikanischen Titel „Purpose driven life“, was so viel wie „zweckgeleitet (oder „auftragsorientiert“) getrieben“ heißt, ein Name, der allzu offenkundig die wahren Absichten offenbart hätte und in Deutschland nicht angenommen worden wäre. Es geht um Erfolg statt um Frucht. (Zwei Bremer Pastoren übersetzten und redigierten den Folgeband „Leben mit Vision“. Einer von ihnen wurde von seinem Amtsbruder ausdrücklich als Gemeinde-Stratege herausgestellt. Der Inhalt dieses Bandes ähnelt in seiner Diktion den Exerzitien des Gründers des Jesuiten-Ordens, Ignatius v. Loyola.) „Kirchenstrukturen sollen hierarchisch umgestaltet werden, ähnlich dem Netzwerk-Marketing. Zwischen dem Gläubigen und Gott müssen laut Transformations-Strategen neue Strukturen der Autorität und Verantwortlichkeit aufgerichtet werden.“ Den hier beschriebenen Neo-Evangelikalismus durchzieht seit Jahrzehnten das in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts in Amerika grassierende „Social Gospel“ der freikirchlichen Liberalen. Warren maßte sich an, demgemäß 1 Mrd. Christen in Marsch setzen zu wollen, um den Hunger zu bekämpfen und in Afrika die AIDS-Epidemie zu stoppen. Dem letzten, dem 10. Abschnitt des Buches widmet Erdmann 42 Seiten dem Aufkommen der verwirrenden „Emergent Church“. Die Betreiber sind auf ein „erfahrungsorientiertes (Glaubens)Leben bedacht“. „Sie wollen den lehrmäßigen Boden des (herkömmlichen) Evangelikalismus umpflügen.“ Die „Wortverkündigung soll durch das Erzählen von Geschichten ersetzt werden“. Es geht darum, einen „postmodernen Evangelikalismus“ herbeizuzaubern. Viele Geschwister in den Gemeinden werden sich weder mit einzelnen der hier angeführten Bereiche beschäftigt haben, noch das Netzwerk zwischen Geschäfts-praktiken und der darauf abgestimmten Verkündigung durchblicken.
Dr. Martin Erdmann, ist Deutscher, hat an der STH Basel doziert und leitet das von ihm gegründete Verax Institut. Die Zusammenfassung konnte nur von einem Mann wie ihm geschrieben werden, der sich jahrelang mit dem nach und nach entstehenden Netzwerk zwischen Esoterik, Geschäftswelt, Politik und Evangelikalen beschäftigt und das umfangreiche Schriftgut gelesen und verglichen hat, mit dem sich die involvierten Personen gegenseitig stützen und bestätigen. Das Buch ist eine wahre Fundgrube von Hinweisen auf Personen und Organisationen, die das Geschäft der Marketing-Ver-kündigung betreiben. Alle Zitate sind durch viele Fußnoten und Details, sowie durch Anfügung von Internet-Verweisen sorgfältig belegt. Es ist für mich das – nach der Bibel – wichtigste apologetische Werk der letzten Jahrzehnte.
Gottfried Meskemper
(In Anführungsstriche gesetzte Sätze und Begriffe sind Zitate aus dem Buch „Der Griff zur Macht“)
